Fortschritte bei Transplantationen

10.02.2017

Heute werden für viele Patientinnen und Patienten passende Blutstammzellspenden gefunden, aber längst noch nicht für alle. Weshalb das so ist und welche medizinischen Entwicklungen zu erwarten sind, erläutert der Transplanteur PD Dr. med. Urs Schanz im Interview.


PD Dr. med. Urs Schanz ist Hämatologe und Transplanteur am Universitätsspital Zürich.

Herr Schanz, 100‘000 Menschen sind in der Schweiz als Blutstammzellspender registriert. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Urs Schanz: Ich finde es einfach grossartig, dass so viele Menschen bereit sind, freiwillig und unentgeltlich Stammzellen zu spenden, und das in einer Welt, die immer individualistischer und egoistischer wird. Sie geben vielen Patientinnen und Patienten neue Hoffnung auf eine Heilung ihrer Erkrankungen, die sonst häufig tödlich verlaufen.

Was bedeutet das für Sie als Transplanteur?

Dank den umfangreicheren Registern haben wir in den vergangenen Jahren für deutlich mehr Patienten eine Spende gefunden. Weltweit sind es heute bereits über 28 Millionen Registrierte.

Es kommt sogar vor, dass für einen Patienten gleich mehrere passende Spenden gefunden werden.

Das ist natürlich optimal. Dann kann ich bei der Wahl des Spenders weitere Faktoren berücksichtigen, beispielsweise Alter, Geschlecht oder durchgemachte Viruserkrankungen. Ich prüfe alle Aspekte, damit der Patient diejenige Spende erhält, die für ihn die wenigsten Risiken birgt und die besten Chancen auf Heilung verspricht. Das ist sehr individuell und erfordert eine umfassende Analyse.

Auf der anderen Seite gibt es Patienten, für die keine Spende gefunden wird.

Leider ja, das ist bei etwa 20 bis 30 Prozent der Fall. Wenn wir dazu noch den Faktor Zeit berücksichtigen, dürften es nach meiner Schätzung sogar 30 bis 40 Prozent der Patienten sein. Ihnen steht zum idealen Zeitpunkt kein Transplantat zur Verfügung.

Weshalb ist es manchmal besonders schwierig, eine Spende zu finden?

Die ausschlaggebenden Gewebemerkmale unterscheiden sich nach ethnischer Herkunft. Die Suche ist sehr schwierig, wenn die Eltern eines Patienten aus unterschiedlichen Ethnien stammen. Und schwierig ist sie ebenfalls, wenn ein Patient aus einem Land stammt, das kein Register führt. Transplantationsmedizin ist Spitzenmedizin, zahlreiche Länder haben zurzeit nicht die Mittel, ein Blutstammzellregister aufzubauen.

Was bedeutet es für Menschen, wenn kein Transplantat zur Verfügung steht?

Zunächst eine grosse Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, aber nicht den sicheren Tod. Gerade in den letzten Jahren gab es in der Stammzell-Transplantation grosse Fortschritte. Das gibt wieder Hoffnung.

Wie sehen diese Fortschritte aus?

Wir können immer mehr Transplantationen von Fremdspenden durchführen, die nicht optimal passen, sowie von Spenden nur halb-passender Familienangehörigen. Hier sprechen wir von haploidentischen Transplantationen. Grund ist eine neuartige Immunsuppression, die das Überleben dieser Patienten drastisch verbessert hat. Das ist sicher die bedeutendste Entwicklung. Zudem hoffe ich auf bessere Methoden zur Prophylaxe und Behandlung der Hauptkomplikation, der umgekehrten Abstossungsreaktion Graft-versus-Host-Disease, und zur Verhinderung von Krankheitsrückfällen nach der Transplantation.

Kranke Menschen wünschen sich, gesund zu werden. Welchen Wunsch haben Sie als Transplanteur?

Ich möchte ganz einfach ein wenig dazu beitragen, dass die Patientinnen und Patienten wieder gesund werden. Das motiviert mich, in einem immer schwierigeren gesundheitspolitischen Umfeld weiterzumachen.


Dr. med. Urs Schanz hat bei ungefähr 700 Patientinnen und Patienten Transplantationen von Blutstammzellen durchgeführt. Er ist zugleich im Verwaltungsrat der Blutspende SRK Schweiz AG.

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